Arbeitslosigkeit und Psyche

Arno S. erzählt im Interview offen, wie es ihm in der Arbeitslosigkeit ging: Ängste, Schlafstörungen, depressive und pessimistische Zustände haben den 45-Jährigen in dieser Zeit belastet. Sieht man Arno heute – erfolgreich, attraktiv, mit vielen Sozialkontakten – deutet oberflächlich nichts darauf hin, dass ihn diese 2-jährige Phase der Arbeitslosigkeit schwer erschüttert hat.

Im Interview erzählt er darüber und wie er diese Zeit schließlich gemeistert hat:

 

Können Sie sich erinnern – wie war es ganz zu Beginn der Arbeitslosigkeit?
Die Arbeitslosigkeit war anfänglich gewollt. Ich plante beruflich etwas anderes zu machen und begann im Mai eine 6-monatige Schule für Tontechniker. Ich fragte das AMS auch, ob es mir die Schule finanziert, aber als fertiger Akademiker bekam ich keine Unterstützung.

Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich begann im Herbst 2003 einen Job als Tontechniker zu suchen.

Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Mir wurde allmählich bewusst, wie wenig Arbeit es für Tontechniker gab und ebenso allgemein in der Unterhaltungsbranche in Österreich – und wie schlecht, wenn überhaupt, diese bezahlt wurde. Ich nahm alles an was ich bekam, kurze, meist unbezahlte Tätigkeiten, Aushilfsjobs für die Filmakademie, einen Tag bei einer Partei-Veranstaltung, stundenweise bei diversen Veranstaltungen, etc. in einem Versuch einen „Fuß in die Türe zu bekommen“.
Schließlich begann ich mich wieder bei Stellen zu bewerben, die eher meinem Ausbildungs- und Berufsprofil entsprachen: Ich habe vorher Betriebswirtschaft auf der WU absolviert und arbeitete ca. 5 Jahre als Projektmanager für zwei Softwarefirmen, obwohl ich dies ursprünglich nie wieder machen wollte.

Doch nicht mal hier fand ich einen Job, bis ich schließlich bei DHL als Fahrer anheuerte, nur um Geld zu verdienen und etwas zu tun. Dies steigerte kurzfristig aber merklich mein nicht mehr vorhandenes Selbstbewußtsein.

Welche Auswirkungen haben Sie sonst noch an sich bemerkt?
Ich schlief schlechter, d.h. konnte schlecht ein- und dann durch schlafen, wachte oft früh auf und konnte danach nicht mehr einschlafen. Ich hatte weniger Appetit und aß weniger, allerdings trank ich auch merklich weniger Alkohol.

Welche seelischen Auswirkungen haben Sie bemerkt?
Ich wurde depressiv und pessimistisch, zog mich von meinen Freunden immer mehr zurück und gab mich nur noch mit meiner Freundin, meinem besten Freund und gelegentlich mit meiner Familie ab. Ich dachte permanent über meine missliche Lage nach und bekam immer mehr Angst vor der Zukunft. Ich zweifelte an einer positiven Wende.

Was hat hat Ihnen in dieser Zeit geholfen?
Meine Freundin hat mich sehr unterstützt, wobei unsere Beziehung stark darunter litt, wir trennten uns dann später. Es half mir auch temporär mich körperlich zu betätigen, ich ging regelmäßig in’s Fitness Studio, laufen und Rad fahren. Sonst fühlte ich mich eher hilflos und der Situation ausgeliefert.

Wie lange ist das her?
Vor ca. 11 Jahren begann die, wie ich sie nenne „Abwärtsspirale“.

Wie lange hat es gebraucht, bis Sie sich davon erholt haben?
Ich schätze mindestens 6 Jahre nach meiner Anstellung im Dezember 2004, es hängt mir auch heute teilweise nach.

In welcher Hinsicht hat diese Erfahrung Ihr Leben geprägt?
Ich habe mich lange mit Zukunftsängsten gequält und hatte kein Vertrauen in mich, solch eine Situation zu meistern, sollte ich wieder arbeitslos werden. Mein Freundeskreis war fast nicht mehr existent, es dauerte eine Weile bis ich wieder Spaß am sozialen Umgang mit Menschen hatte und bis ich wieder einige Freunde hatte, die ich auch gerne traf.

Andererseits, als direkte Folge, lernte ich zu sparen, mich zu organisieren und mich in der Arbeit zu konzentrieren. Ich war dabei erstaunt über die positiven Ergebnisse die ich erzielte wenn ich meine Energien fokussierte und alle Schritte konsequent durch zog. Allerdings war meine Motivation die Angst meinen Job wieder zu verlieren, die Angst war aber eher unbegründet und irrational.

In weiterer Folge und indirekt, durch die Trennung von meiner Freundin und die ständige Rumination über meine Jobsituation und was die Zukunft für mich bereit hielt, begann ich Jahre später eine Psychotherapie. Ich setzte mich dabei ernsthaft mit mir und meiner Gefühlswelt auseinander und tue es noch heute, was ich durchwegs als positiv bewerte.

Vielen Dank für das Interview

Hinweis zum Interview:
Für die Recherche zu einem Fachartikels zum Thema Erwerbslosigkeit und Psyche habe ich ein Interview mit einem Betroffenen geführt. Aus Platzgründen wird in dem Fachartikel (erscheint im Oktober – siehe hier) nur ein Auszug aus dem Interview erscheinen. Ich stelle daher an dieser Stelle das gesamte Interview für Interessierte zur Verfügung.

Der Interviewte ist selbstverständlich kein Klient meiner Praxis, sondern hat sich für den Fachartikel als Interviewpartner zur Verfügung gestellt. (Gesprächsinhalte von Therapiegesprächen unterliegen nämlich der absoluten Verschwiegenheit und werden daher von mir nie – auch nicht anonymisiert – weitergegeben.)

Advertisements